Die Nation neu denken: Der Mittelweg zwischen nationaler Selbstsucht und internationaler Selbstaufgabe

Das Konzept der Nation – so mag heute mancher meinen- sei veraltet und gehöre in die Mottenkiste des 19. Jahrhunderts, ja womöglich sei es gar verknüpft mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus und habe auch dem Nationalsozialismus und der Rechtfertigung seiner Gräueltaten zugearbeitet. Obwohl der Hinweis auf den Missbrauch der Nation als Propagandaformel durch Nazis und Rechtsextremisten seine Richtigkeit hat, ist damit jedoch noch nichts gegen die Nation als Idee und Wirklichkeit gesagt. Doch was ist die Nation überhaupt und wie können wir sie so neu denken, dass sie der Instrumentalisierung durch menschenverachtende Ideologien entzogen bleibt und die Kräfte, die in ihr ruhen, auf eine  produktive Weise erweckt werden können?

Der Begriff „Nation“ kommt zunächst einmal von dem lateinischen Wort „nasci“, das „geboren werden“ bedeutet. Sie bezeichnet also eine Gruppe von Menschen, die sich durch eine gemeinsame Herkunft auszeichnen. Doch das reicht natürlich nicht. Sie ist weiterhin eine Willens- und Schicksalsgemeinschaft, die durch ein freiwilliges Bekenntnis und eine gemeinsame Zukunftsgestaltung verbunden ist. Jeder Mensch kann ihr der Möglichkeit nach beitreten und als freier und gleicher mit allen anderen Mitgliedern der Nation zusammenleben. Bis zu diesem Punkt haben wir eine Staatsnation, wie sie in der französischen Tradition gedacht und realisiert wurde. Dieses Nationskonzept vereint in sich alle drei Postulate der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Nation ist als Idee und auch realhistorisch unauflöslich mit dem Ideal der Freiheit verknüpft, die sie dadurch verwirklicht, dass sie einem Volk seine Selbstbestimmung in einem souveränen Nationalstaat ermöglicht. Neben dieser kollektiven Freiheit des selbst über seine Geschicke bestimmenden Volkes, der Nationalfreiheit, ermöglicht der Nationalstaat auch dem Individuum den größtmöglichen Raum zur Selbstentfaltung, die Individualfreiheit, indem er den Einzelnen von willkürlichen Bindungen und Abhängigkeiten befreit und ihm in seinem Rahmen unveräußerliche Freiheits- und Mitbestimmungsrechte im Gemeinwesen garantiert. Die gesunde Balance zwischen National- und Individualfreiheit war der Kerngedanke nationalliberaler und freiheitlicher Parteien und Bewegungen und findet in Heinrich von Treitschkes Diktum Ausdruck, dass es weder um die Freiheit des Einzelnen vom Staate noch um die Verfügungsfreiheit des Staates über den Einzelnen, sondern um die „Freiheit [des Einzelnen] im Staate“ geht.

Die Nation ist auch von der Idee der Gleichheit kaum zu trennen. Ihre Institutionalisierung –der Nationalstaat- macht alle seine Mitglieder zu Gleichen. Diese sind ausnahmslos gleich vor dem Gesetz und genießen gleiche politische Rechte. Die Nation kann damit Unterschiede und Gegensätze in Religion, Klasse und Ethnie in sich aufheben, überformen und versöhnen, so dass eine Gemeinschaft entsteht, in der das Verbindende das Trennende überwiegt und das Gemeinwohl den Partikularinteressen vorgeordnet ist. Nur auf dieser Grundlage, nämlich der nationalen, können sich die Menschen zu Brüdern werden, obwohl sie sich nicht persönlich kennen. In der nationalen Solidargemeinschaft ist jeder für jeden da und sei es nur über soziale Umverteilung, die außerhalb des nationalen Rahmens kaum denkbar und realisierbar wäre. Die Nation beinhaltet heute die Chance, die Beziehungen zwischen den Menschen, die nur noch abstrakte und entfremdete zwischen Produzenten und Konsumenten geworden sind und oft schon warenförmigen Charakter haben, in Solidarbeziehungen zu verwandeln, in denen der eine dem anderen nicht mehr als fremder Tauschpartner, mit dem man Geschäfte machen kann, gegenübertritt, sondern als Bruder, demgegenüber Hilfe und Solidarität zur Pflicht werden.

Das Konzept der Staatsnation bedingt des Weiteren die Demokratie und ihr Prinzip wohnt ihm inne. Die Nation beruht auf freier und individueller Willensentscheidung und ist selbst das Medium der Volkssouveränität. Der Nationalstaat ist somit die Form, in der das Volks sich selbst regiert. Andererseits setzt Demokratie immer einen souveränen, irgendwie bestimmten Demos voraus, der über sich selbst herrschen kann, und ein solches, sich seiner selbst bewusstes Staatsvolk kann nur ein zum politischen und kulturellen Selbstbewusstsein gelangtes Volk sein, eben die Nation, innerhalb der die Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten aufgehoben wird. Demokratie und Nation sind schließlich keinesfalls einander ausschließende Gegensätze, wie uns manche Internationalisten glauben machen wollen, sondern sie bedingen einander, denn Demokratie benötigt gemeinsam geteilte Werte, gleiche Mitbestimmungsrechte und Solidarbeziehungen auf nationaler Grundlage sowie ein national bestimmtes Demos, das sich überhaupt selbst regieren will, kann und tatsächlich tut, indem es für sich Repräsentanten wählt oder gemeinsam über seine politischen Angelegenheiten abstimmt. Diesen Zusammenhang bringt der französische Historiker Ernest Renan mit folgendem berühmten Zitat zum Ausdruck: Die Nation „ist ein Plebiszit, das sich jeden Tag wiederholt, so wie die Existenz eines Individuums eine dauernde Bestätigung des Lebensprinzips ist“. Die Nation verwirklicht also schon in sich selbst das demokratische Prinzip, indem sie sich stets aufs Neue der Zustimmung und Bestätigung ihrer Teilnehmer rückversichern muss, auf deren wiederholtes, freiwilliges Bekenntnis sie angewiesen ist.

Ein wesentlicher Aspekt der Nation ist außerdem ihr Kommunikationszusammenhang. Sie zeichnet sich durch eine verbindende Struktur aus, die soziale Kohärenz und zeitliche Kontinuität stiftet. Die Nation verbindet einerseits die gegenwärtig in ihr Lebenden zu einem Sozialzusammenhang, andererseits stellt sie über die verschiedenen Generationen einen überzeitlichen Kommunikationszusammenhang her zwischen Vorfahren, Gegenwärtigen und zukünftigen Nachfahren. Dadurch wird der solidarische Generationenvertrag begründet und die Gegenwärtigen, die von den Leistungen der Vorfahren zehren und von ihnen die Traditionen überliefert bekommen, sehen sich nicht nur in der Pflicht, sie in Ehren zu halten und ihnen ihre Dankbarkeit zu bezeigen, sondern auch, ihren Nachfahren vergleichbare oder noch größere Leistungen zu hinterlassen, damit diese ihrerseits sie in ehrendem Andenken behalten und ihr Feuer weitertragen mögen. Ein solcher kontinuierlicher Überlieferungs-, Traditions- und Kommunikationszusammenhang über die Zeit hinweg macht den Nationalstaat zur stabilsten Form menschlichen Zusammenlebens, die wir kennen, und verleiht ihr ihre Existenzberechtigung auch für das 21. Jahrhundert.

Was jedoch hält den Nationalstaat im Innersten zusammen und macht ihn zu dem, was er in seiner individuellen Ausprägung jeweils ist? Er ist eine Interessengemeinschaft, zu der sich Individuen einst zum Zweck der Kooperation zusammengeschlossen haben, er ist eine funktionale Ordnung, die die Arbeitsteilung, das soziale und politische Leben organisiert und ein wirtschaftliches Großunternehmen, dessen Volkswirtschaft angehalten ist, mehr Gewinne zu erzielen als seine Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Wie immer man zu diesen Ansätzen stehen mag, sie sind allesamt mechanisch und können den innersten Wesenszusammenhang der Nation nicht erklären. Der Staat wird hier als Räderwerk gedacht, das Menschen verwaltet und sich durch seine Funktionalität definiert. Der Staat als leere Form und funktionaler Mechanismus muss aber beseelt und befruchtet werden durch die Idee der Nation. Erst sie als Staatsidee verleiht ihm höheren Sinn, macht ihn lebendig und liebenswert bei seinen Bürgern, die sich schließlich mit ihm identifizieren müssen. Der Kitt, der einen Nationalstaat wirklich zusammenhält und seinen Tiefenzusammenhang ausmacht, liegt nicht im Pragmatisch-Funktionalen, sondern im Kulturellen. Das erschließt sich nur, wenn wir zum Konzept der Staatsnation das sehr deutsche Konzept der Kulturnation hinzunehmen, das berücksichtigt, dass eine Nation über die Staatsgrenzen hinausreichen kann. Die Kulturnation definiert sich über erfahrbare Gemeinsamkeiten, von denen die wichtigsten die Sprache, das Recht und die gemeinsame Geschichte sind. Damit ist die Nation eine objektive Wirklichkeit, die es real gibt und die wir jeweils selbst sind, und liegt gegenständlich oder als sich immer wieder aktualisierende Praxis vor. Was aber eine Nation als solche ausmacht, ist, dass sie sich ihrer selbst bewusst ist, d.h. dass ihre Mitglieder sich ihrer gemeinsamen Sprache, Rechtsordnung und Geschichte bewusst sind, die ihre Zusammengehörigkeit erst konstituieren. Damit müssen aber alle Inhalte durch das kollektive Bewusstsein der Nation hindurch und sind aus diesem Grund immer durch eine Reflexion vermittelt, so dass die Nation vom Geist durchdrungen und keineswegs irrational zu schimpfen ist. Der eigentümliche Nationalcharakter, den man heute kulturelle oder nationale Identität nennt, besteht in gemeinsam geteilten, sich in der Sprache ausdrückenden Verhaltensformen, Denk- und Empfindungsarten, die stets von den Individuen widerlegbar und modifizierbar sind und damit in ständiger Dynamik begriffen, obwohl sich auf geheimnisvolle Weise im Kern selbst gleichbleibend und durchhaltend. Daraus folgt, dass einerseits die Individuen den Nationalcharakter produzieren, andererseits sie selbst immer schon unhintergehbar von diesem Nationalcharakter produziert und geprägt sind. Erst durch eine Sozialisation in den nationalen Lebenszusammenhängen wird das Individuum als Persönlichkeit hervorgebracht und ausgeformt. An dieser Stelle müssen wir uns aber eingedenk bleiben, dass Identität immer pluralistisch ist und die nationale nur eine von vielen anderen ist, die einen Menschen bestimmen und die niemals verabsolutiert werden darf. Trotzdem muss im Nationalstaat der Pluralismus der Weltanschauungen und Lebensformen einen gewissen Kompromiss mit einem Mindestmaß an kultureller Einheit und Übereinstimmung eingehen, denn, um sich der Loyalität der Bürger sicher sein zu können, muss die Nation als Wert eine bestimmte Verbindlichkeit und Präferenz genießen, ohne jedoch Selbstzweck zu werden. Vor diesem Hintergrund können Migranten dadurch assimiliert werden, dass sie die deutsche Identität als dominante und alle ihre anderen Identitäten überformende annehmen, ohne diese anderen (religiöse, ethnische, regionale Identitäten) jedoch aufgeben oder auslöschen zu müssen. Muslimische, jüdische, arabischstämmige usw. Deutsche können ohne Widerspruch gedacht werden und mit Stolz auf ihre eigenen identitären Hintergründe und Herkünfte an unserer Nation teilhaben und mitarbeiten, wenn sie sich eben primär als deutsche Bürger verstehen und sich unseren Lebensformen und kulturellen Werten „anähnlichen“.

Damit so etwas möglich wird, muss die Nation grundsätzlich durchlässig und dynamisch gedacht und gestaltet werden. So steht sie in absolutem Gegensatz zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, die geschlossen und ethnisch homogen mit einheitlichem Willen konzipiert wurde, was natürlich keineswegs der Realität und Geschichte der Nationen entsprach, die ja immer schon ihre gewachsenen ethnischen Minderheiten hatten und mit Migrationsbewegungen konfrontiert waren. Der Nationalsozialismus missbrauchte die integrative Kraft der Nation, um die Massen zu organisieren und nach außen auf übernationalen Imperialismus auszurichten, und legte rassenbiologische und eugenische Ausschlusskriterien an, die mörderische Folgen haben mussten. Er verleugnete, dass eine Nation erst durch die Wechsel- und Austauschbeziehungen mit anderen Nationen zu dem wird, was sie ist, und dass sie sich niemals nur sich selbst verdankt. Biologisch-genetische und damit materialistische Faktoren machen die Nation nicht aus, sondern sie ist wesenhaft geistig-kultureller Natur. Idealistische Faktoren wie das Bewusstsein der Menschen von ihrer gemeinsamen Kultur, Geschichte und Sprache, die prinzipiell für Quereinsteiger offen stehen,  ihr Wille und Bekenntnis zu ihr und ihre Teilnahme an ihren kulturellen Praktiken, Sitten und Bräuchen sind konstitutiv für ihr Wesen und ihre Wirklichkeit. In diesem Sinne meint auch wieder Renan, wenn auch mit anachronistischen Kategorien: „Gemeinsamer Ruhm in der Vergangenheit, ein gemeinsames Wollen in der Gegenwart, gemeinsam Großes vollbracht zu haben und weiter vollbringen zu wollen- das sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein Volk zu sein.“ Eine gemeinsame und uns verbindende Vergangenheit und der daraus sich speisende gegenwärtige Wille zur gemeinsamen Zukunftsgestaltung, darauf kommt es an! Nur auf dieser Basis taugt die Nation als Solidargemeinschaft, in der auch Opfer für die Allgemeinheit und die Schwächeren gebracht werden müssen und die wesenhaft einen verpflichtenden Charakter hat: „Die Nation ist eine große Solidargemeinschaft, die durch das Gefühl für die Opfer gebildet wird, die erbracht wurden und die man noch zu erbringen bereit ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus und lässt sich dennoch in der Gegenwart durch ein greifbares Faktum zusammenfassen: die Zufriedenheit und den klar ausgedrückten Willen, das gemeinsame Leben fortzusetzen.“

Wir dürfen nichtsdestotrotz nicht vergessen, dass die Nation nur dann ihr spezifisches Pathos und ihre emotionalen Bindekräfte entfalten kann, wenn es eine gewisse Trennung von Wir und Nicht-Wir gibt. Eine positive Identität d.h. was wir sind und sein wollen, ergibt sich notwendig nur aus Negationen d.h. aus dem, was wir nicht sind, nicht sein können und nicht sein wollen. Wir sind Deutsche nur insofern, als wir keine Franzosen, keine Italiener, keine Spanier, keine Engländer usw. sind. Dabei werden diese anderen Nationen nicht als solche verneint und abgelehnt, nein im Gegenteil, sie haben wie die eigene ihre Existenzberechtigung und Würde, weil sich ja unsere eigene Nation erst aus der positiven Differenz und den Wechselbeziehungen zu ihnen herausgebildet hat und positiv bestimmt. Wir verdanken den von uns unterschiedenen Nationen unsere Existenz und Eigenart und sind ihnen darin gleich, dass sie genauso Nationen sind wie wir selbst und die gleichen Rechte wie wir beanspruchen können. Damit haben alle Nationen ihren singulären Wert und stehen sich auf gleicher Augenhöhe gegenüber. Das nationale Prinzip wird in diesem Sinne zu einem universalen Prinzip, das die Mannigfaltigkeit aller Nationen als den eigentlichen Reichtum dieses Planeten betrachtet und ihre Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung anerkennt. Die Bejahung der eigenen Nation impliziert also notwendig die Anerkennung der Freiheit und Selbstbestimmung aller anderen Nationen und nichts anderes postuliert auch das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Oder kurz: Nationale Solidarität bedingt auch internationale Solidarität. Die einzelne Nation ist zwar in gewissem Sinne autonom, selbstgenügsam und nach innen gewendet, wie  Herder schreibt: „Jede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel ihren Schwerpunkt!“, dennoch ist sie nicht als in sich abgeschlossene, abgeschottete Einheit zu denken, sondern als ein in ein Beziehungsgeflecht mit allen anderen Nationen eingebundenes, dynamisches Gebilde: „Was von einem Volk gilt, gilt auch von der Verbindung mehrerer Völker untereinander, sie stehen zusammen, wie Zeit und Ort sie band, sie wirken aufeinander, wie der Zusammenhang lebendiger Kräfte es bewirkte.“. Die Nation ist gewissermaßen die Form, in der sich das Allgemein-Menschliche individuiert oder in Fichtes Worten „die Hülle des Ewigen“. Die Nation ist die ideale Vermittlung zwischen blutleerer Allgemeinheit und vereinzelter Individualität. Folgerichtig kann sich eine individuelle Identität nur ausbilden im produktiven Spannungsverhältnis zwischen universaler und nationaler Identität, zwischen Menschheit und Nation. Nicht im Menschen an sich, den es so im luftleeren Raum gar nicht gibt, sondern im konkreten Einzelmenschen, der in seine nationalen Lebenszusammenhänge eingebettet ist, ist das Verhältnis zwischen Allgemeinem und Besonderem, zwischen Menschsein und Zugehörigkeit zu einer besonderen Nation harmonisch repräsentiert. Oder einfacher gesagt: Weltbürger und Staatsbürger, Mensch und Deutscher oder Franzose oder Engländer usw. zugleich zu sein- das geht zusammen. Dass keine Nation freilich näher an der Wahrheit ist als die anderen und keine eine Überlegenheit über eine andere beanspruchen darf, versteht sich von selbst, so meint Herder dazu: „kein Volk ist ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde; die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garten des gemeinen Besten von allen gebauet werden.“

Eine nächste entscheidende Frage ist, ob die Nation eine gewachsene und gegebene Entität oder ob sie „gemacht“ und nur eine soziale Konstruktion ist. Tatsächlich treffen beide scheinbar widersprüchlichen Charakterisierungen auf sie zu: Die Nation ist über Jahrhunderte gewachsen, ist sich dann immer mehr ihrer selbst bewusst geworden und realisierte ihre Einheit und Freiheit. Dabei spielten objektive Gegebenheiten und Realitäten eine Rolle wie Territorium, Volk, Volkstum, Sprache, Sitten, Bäuche, Institutionen und Recht, die sich alle zu einer spezifischen nationalen Form und Identität verdichteten, die die Menschen vor anderen prägte, bestimmte und sich einander zugehörig fühlen ließ. Zu einem solchen natürlich gewachsenen, erfahrbaren, objektiv sich manifestierenden Nationalcharakter schreibt Herder: „Der natürlichste Staat ist also auch ein Volk, mit einem Nationalcharakter. Jahrtausende lang erhält sich dieser in ihm und kann, wenn seinem mitgeborenen Fürsten daran liegt, am natürlichsten ausgebildet werden: Denn ein Volk ist sowohl eine Pflanze der Natur als eine Familie; nur jenes mit mehreren Zweigen.“ Die Nation ist also nicht nur das Produkt der Neuzeit, sondern die konkreten Nationen sind oft schon wesentlich älter und vorgängig vorhanden und entwickelt gewesen, allerdings sind die Nationen auch nicht unbedingt die Gedanken Gottes und damit absolute Realitäten. Sie entstehen auch aus der kollektiven Erinnerung heraus und existieren im kollektiven Bewusstsein und sind damit auch irgendwie selektiv, konstruiert und die Schöpfungen der gegenwärtig lebenden Individuen, die die Nation memorieren, aktualisieren und weiter praktizieren. Es ist natürlich fragwürdig, die Entstehung der deutschen Nation als zielgerichteten und intendierten Prozess zu deuten und die ganze deutsche Geschichte auf nationalen Sinn und ein nationales Endziel hin zu lesen. Wir sollten nicht ernsthaft Arminius, Otto dem Großen oder Friedrich dem Großen nationale Absichten unterstellen, denn diese haben sie oft weder besessen noch umgesetzt. Was wir aber dürfen ist, im Nachhinein und aus der Retrospektive ihre –wenn auch unwillentlich erbrachten- Leistungen und Beiträge zur deutschen Nation herauszustellen und sie als ihre Vorstufen und unbewussten Träger zu betrachten. Eine nationale Perspektive auf Geschichte ist genauso legitim wie andere (soziale, technische, regionale, globale usw.) Perspektiven auch, denn irgendeine Perspektive hat man –bewusst oder unbewusst- immer schon eingenommen. Das ist –wenn man so will- nationale Mythenbildung, die zur nicht ganz transparenten und rationalen Rechtfertigung und Lebendigkeit der Nation notwendig ist: Sie braucht ihre Helden, ihre Mythen, ihre Märtyrer, Bilder und Vorbilder, um ihren spezifischen Pathos, ihre emotionsgebundene Attraktivität und ihr Identifikationspotenzial entfalten zu können, ob das dann alles historisch oder politisch korrekt ist, ist eine ganz andere Frage und Ebene. Überhaupt können wir die Nation als moderne Mythologie ansehen, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Wirkkraft genau einer solchen entspricht. Sie ist eine große Erzählung, die uns durch Bilder, Helden und Mythen dazu motiviert, sie weiterzuspinnen. Sie erneuert sich ständig selbst, spricht die Tiefenschichten unseres Bewusstseins an und bewirkt eine kollektive Identitätsstiftung und Sinngebung. Gerade weil die Nation auch ein Mythos ist, der erzählt, wie ihre Realität entstand, lassen sich Inhalt und Wesen ihrer kollektiven Erzählung, die ständig im Wandel begriffen sind, niemals eindeutig und vollständig bestimmen und festklopfen und eine solche wesensmäßige Definition, was denn die Deutsche Nation nun sei, würde nur wieder zu klaren Ausschlusskriterien und Abweichungen führen, die wir in unserem Nationskonzept nicht wollen. Die Nation, die wir meinen, hat keinen bestimmbaren, statischen Wesenskern, der alles Andere und Abweichende kategorisch ausschließt und zum Feind erklärt, sie ist ein ständig sich erneuernder Bilderstrom, der dynamisch und durchlässig nach Außen ist, obwohl er sich auf geheimnisvolle, nicht durch Begriffe artikulierbare Weise beständig durchhält und mit Recht als unser, ureigenster, deutscher gelten kann. Schließlich können wir festhalten, dass die Nation neben ihrer freiheitlich-aufklärerischen Seite ebenso eine romantisch-mythologische Seite besitzt und genau dieser Doppelcharakter macht sie zu einer idealen Synthese von Tradition und Moderne und damit für uns aktueller denn je.

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Der Geist Europas

„Die Einheit Europas war ein Traum weniger. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für alle.“ Mit diesem Wortlaut brachte Konrad Adenauer das dringliche Erfordernis auf den Punkt, Europa zu einen und damit unter seinen Völkern ein für allemal Frieden zu stiften, hatten doch die Terrorregime des 20. Jahrhunderts vor allem Europa zum Blutgerüst ihrer Kriege und Verheerungen gemacht. Europa musste innerlich befriedet und nach außen eine handlungsfähige Einheit werden und nicht zuletzt –das zeigte sich während des kalten Krieges- der Suprematie der Flügelmächte Amerika und Russland entrissen werden, um nicht als Spielball fremder Interessen missbraucht oder durch innere Zwietracht gespalten zu werden. Den großen Hegemonialmächten musste gerade in einer wieder multipolar werdenden Welt ein wirtschaftlich starkes und politisch geeintes Europa als Gegengewicht die Waage halten, denn vereinzelte, auf ihre eigenen Kräfte zurückgeworfene Nationalstaaten könnten auf der Bühne der Weltpolitik nur schwerlich ihre Stimme erheben und ihre Interessen durchsetzen. Und in der Tat: Der Nationalstaat, sei er auch die denkbar stabilste und Demokratie am besten ermöglichende Form der politischen Organisation eines Volkes- scheint oftmals zu klein, um globalen Problemstellungen zu begegnen, beispielsweise bei ökologischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen im Weltmaßstab, denen Europa mit einer einheitlichen Stimme antworten muss.

Folgerichtig hat man also in einem ersten Schritt, den besonders Deutschland und Frankreich als Motor dieser Entwicklung forciert haben, die EG als eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet, die allen Mitgliedern ökonomische Vorteile verschaffte und den Wohlstand ihrer Länder prosperieren ließ. Wenn wir jedoch heute die Europäische Union betrachten, ist weit mehr als nur eine Kooperation auf wirtschaftlicher Ebene institutionalisiert worden, man hat auch Länder aufgenommen, die über einen innereuropäischen Länderfinanzausgleich die reicheren schröpfen und mehr Ballast als Gewinn bedeuten, man hat den Mitgliedsstaaten ihre Währungshoheit entrissen und strebt immer mehr nach einem europäischen Bundesstaat, der die nationale Souveränität der Mitgliedsstaaten sukzessive abbaut, die Völker entmündigt und in Form einer abgehobenen, unter erheblichen Demokratiedefiziten leidenden Bürokratie eine Reglementierungswut losgetreten hat, die ihresgleichen sucht. Dass es, wo es kein europäisches Staatsvolk gibt, auch keine auf Volkssouveränität basierende Demokratie im Rahmen eines europäischen Superstaates geben kann, wird von den Eurokraten beflissentlich ignoriert, genauso wie der Volkswille der europäischen Nationen, der dahingehend tendiert, die Europäische Union in ihrer jetzigen Form abzulehnen, was die geringe Beteiligung an den Europawahlen oder die Ablehnung des Lissabonvertrags durch die Iren dokumentieren. Neuerdings fragt man das Volk aber gar nicht erst, sondern peitscht die EU-Verfassung einfach von oben durch.

Die Selbstentmachtung der nationalen Parlamente, die Übertragung von Souveränitätsrechten und Kompetenzen auf anonyme und undurchsichtige EU-Institutionen und Expertengremien, die jeder demokratischen Kontrolle und Tuchfühlung mit den Völkern entbehren,  und die steigenden Kosten der überbordenden Bürokratie und finanziellen Nivellierung sind aber nur die sichtbaren Symptome einer strukturell falsch aufgebauten EU, denn diese ist ein Europa ohne Seele und ohne Leben. Man hat es sträflich versäumt, Europa in erster Linie als Idee, als Kultur- und Wertegemeinschaft zu begreifen. Diese EU hat nichts zu tun mit der kulturellen Überlieferung des christlichen Abendlandes, in ihr sind keine europäischen Traditionen und Werte lebendig, sie erschöpft sich im Formellen und Administrativen oder kurz: Sie atmet keinen europäischen Geist. Doch was ist der Geist Europas?

Freilich lässt sich dieser Geist nicht in einem Begriff oder einer Ideologie einfangen, trotzdem steht er für eine Dynamik von Ideen und Idealen, die sich in ihren wandelnden Formen doch  selbst gleich blieben und Europa eine geistig-kulturelle Kontinuität verleihen, die gelegentlich als das „christliche Abendland“ bezeichnet wird, das von Karl dem Großen, nicht umsonst der „Pater Europae“ genannt, exemplarisch verkörpert wurde. Die grundlegenden Prägekräfte und Kernelemente dieses geistigen Europas sind der griechische Logos, das römische Recht und das christliche Menschenbild. Es ist tatsächlich so, dass gerade unsere modernen Errungenschaften und Werte, die den „Westen“ ausmachen, -Freiheit, Individualität, Humanität, Technik, Wissenschaft usw. – oftmals nichts Anderes sind als Transformationen, Säkularisationen und leider auch manchmal die Entleerungen der oben genannten kulturellen Sinnstruktur.

Diejenige Kultur, die Europa die Bahn seiner kulturellen und geistigen Entwicklung fundamental vorgezeichnet hat, war zweifelsohne die griechische. Im alten Athen wurde –mehr ungewollt und über verschiedene Stationen- die Demokratie erfunden. Solon, Kleisthenes und Perikles sind nur wenige Namen, die mit der demokratischen Verfassung Athens verknüpft sind, jedoch die bedeutendsten. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. war die Vergabe politischer Rechte nicht mehr an Herkunft und Vermögen gebunden, sondern alle Vollbürger waren politisch gleichberechtigt (Isonomia) und konnten direkt über Volksversammlung, Rat und Volksgerichte an der Politik partizipieren und die Geschicke der Polis mitbestimmen. In den Perserkriegen wurde diese neugewonnene Freiheit erfolgreich von den vereinten griechischen Hoplitenarmeen gegen die Herrscherdynastie der Achämeniden verteidigt, die ihre gewaltige Ländermasse nur durch Despotie und Zentralismus zusammenhalten konnten. Damit war der Weg zu einer freiheitlichen Gesellschafts- und Staatsform nachhaltig eingeschlagen und gesichert. In der Atmosphäre blühenden kulturellen Lebens und geistiger Freiheit konnten sich Eros und Logos zur griechischen Philosophie verbinden und die Paradigmen abendländischen Denkens ausbilden. Sokrates stellte seine berühmte Frage nach dem guten Leben und warf seine Gesprächspartner durch geschickt dialektische Gesprächskunst in die Verzweiflung des Nichtwissens, aber nur um sie hernach selber mit eigener Denkkraft zur Erkenntnis kommen zu lassen und sei es nur diejenige von der intellektuellen Bescheidenheit, nämlich, zu wissen, dass man eigentlich nicht weiß. Sein Schüler Platon sah das wahre Sein in den  unveränderlichen Ideen, von denen unsere Sinnenwelt nur ein blasser Abklatsch ist und zu denen mittels begrifflich-abstraktem Denken hinaufzusteigen Aufgabe der Wahrheitssuchenden ist. Dessen Schüler wiederum –Aristoteles- holte die Erkenntnis wieder auf den Boden der Sinnenwelt zurück, in der er die letzten Prinzipien und Ursachen des Seins zu finden versuchte, und begründete die wesentlichen Wissenschaften –Logik, Biologie, Physik, Ethik, Poetik und Staatslehre- von deren Früchten wir bis heute zehren.

Wie wir vom antiken Griechenland die Begriffe und Methoden des europäischen Geistes haben und vorgedacht bekamen, so verdanken wir die Idee von Recht und Rechtsstaatlichkeit vor allem dem antiken Rom. Nachdem der letzte König aus der Tiberstadt vertrieben worden war, installierte man eine republikanische Verfassung, die aufgrund sozialer Spannungen und Ständekämpfe bald ins Schlingern geriet. Unter diesem Druck beschlossen die Decemvirn, das geltende Gewohnheitsrecht aufzuschreiben und öffentlich auf Tafeln zur Schau zu stellen. Mit dieser Rechtskodifikation der Zwölftafelgesetze, die für das Bürgerliche Gesetzbuch und deutsche Grundgesetz Vorbildcharakter hatten, konnte der Willkür der Patrizier ein Ende gesetzt werden und auch den Plebejern war eine gewisse Rechtssicherheit garantiert. Nicht nur während der römischen Republik, sondern selbst noch in der Kaiserzeit mussten das Recht gewahrt, die Sitten von Zensoren überwacht und der mos maiorum der Vorfahren beachtet werden. Sinnbild für das Gewaltmonopol des Staates waren die Liktorenbündel (fasces), die den Magistraten vorangetragen wurden: Die Todesstrafe –gewissermaßen die ultima ratio der Staatsgewalt- wurde von einem Beil symbolisiert, das bezeichnenderweise nur außerhalb Roms im Rutenbündel steckte, denn jeder Bürger hatte gegen die Todesstrafe ein verbrieftes Appelationsrecht. Ganz entgegen der Instrumentalisierung dieses Symbols durch den Faschismus bedeutet es eben gerade auch die Beschränkung des staatlichen Gewaltmonopols durch Recht und Volk und schließt damit Herrscherwillkür aus. Die Gewaltenteilung und staatliche Machtbegrenzung werden schließlich schon von den Staatsorganen der römischen Republik, Volksversammlung, Senat und Magistrat, die die Kompetenzen und Verwaltungsaufgaben untereinander aufteilten, vorweggenommen. Bis heute halten wir es in dieser Tradition eines kohärenten Rechtssystems für notwendig, dass die Herrschenden bedingungslos an Recht und Verfassung gebunden und die Bürger durch unveräußerliche Rechte vor staatlicher Willkür geschützt sind.

Das letzte und in seiner Wirkmächtigkeit nicht zu unterschätzende Prägeelement Europas ist das christliche Menschenbild. Der Mensch ist im Christentum als Ebenbild Gottes geschaffen und bezieht daraus seine unveräußerliche Würde. Alle Menschen sind gleich, weil sie  gleichermaßen mit der Erbsünde belegt und zum Heilsweg befähigt sind, der Möglichkeit nach ist niemand von der Gnade Gottes ausgeschlossen. Als im Zuge der Reformation Luthers der Mensch unmittelbar und allein vor Gott steht, ist die Idee von der Individualität angedacht. Im Buch Genesis lesen wir, wie die ersten Menschen Adam und Eva sich verführen ließen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen und dafür aus dem Paradies verbannt wurden. Ab diesem Punkt wird der Mensch, vor allem angesichts des Bösen in der Welt, als selbstbewusster, freier und eigenverantwortlicher gedacht, der Gutes und Böses erkennen und unterscheiden kann und die Willensfreiheit besitzt, sich für die eine oder die andere Option zu entscheiden. Er kann nun nicht mehr in natürlicher Unmittelbarkeit und kindlicher Unschuld verweilen, sondern er muss sich der Welt als souveräner Einzelner stellen und sich in die göttliche Schöpfungsordnung einfügen, indem er mittels seiner Vernunft seine Triebe und Instinkte beherrscht oder kanalisiert. Erbsünde und fleischlichen Versuchungen muss er stets zu entgehen versuchen und sich Geist und Askese zuwenden, welche –wie uns die Kulturanthropologie bis heute bestätigt- die Grundpfeiler jeder Kulturordnung sind. Auch Naturbeherrschung, Technik und die modernen Wissenschaften sind bereits in dem Imperativ des Dominium Terrae angedeutet, den Gott an Adam und Eva ergehen lässt: „Macht Euch die Erde untertan“ (Gen. 1,28). So ist nicht nur das animal rationale, sondern auch der homo faber auf das christliche Menschenbild zurückzuführen. Gleiches gilt für den homo oeconomicus: Der Kapitalismus hat sich nach Max Weber nämlich aus dem Kokon der protestantischen Ethik herausentwickelt. Die Calvinisten nahmen an, dass der Mensch zu Heil oder Verdammnis vorherbestimmt sei, was sich jeweils an Erfolg oder Misserfolg diesseitiger Arbeiten und Geschäfte zeige. Folgerichtig hatte der Mensch sparsam, enthaltsam und leistungsorientiert zu leben, Arbeit um des Erfolges willen wurde zentraler Lebenssinn, denn sie erschien als Gnadengarantie. Überspitzt gesagt, musste die göttliche Gnade also erarbeitet werden, deren sichtbares Zeichen erfolgreiche Kapitalakkumulation war. Schließlich sind die Ideale der französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ allesamt im christlichen Menschenbild präformiert, die Freiheit als bewusste und zu verantwortende Entscheidungsfreiheit zwischen dem Guten und dem Bösen, die Gleichheit als Gleichheit aller Menschen in Wert und Würde aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit und die Brüderlichkeit als Nächstenliebe und christliche Kardinaltugend der caritas. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass wir, sobald der Menschenwürde ihr christliches Fundament entzogen wird, in ernsthafte Begründungsnöte geraten.

Freilich existieren neben diesen drei Grundkonstanten des christlichen Abendlandes noch andere Prägekräfte, wie z.B. jüdische oder heidnische Traditionen, die von den dominanten Elementen verdrängt und deren alternative Kulturmöglichkeiten verschüttet wurden,  nichtsdestotrotz wurden sie oftmals absorbiert und wirkten subkutan fort. Auch die Aufklärung darf nicht vergessen werden, die im Philosophen Kant ihren Höhepunkt fand, letztlich aber doch auf den unausgesprochenen Voraussetzungen dieser Grundkonstanten beruhte. Die Selbstermächtigung und Selbstbefreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit setzt eben einen Menschen voraus, der neben der Sinnlichkeit auch an der Vernunft teilhat und sich durch sie selbst Gesetze geben kann, um seine Bestimmung, nämlich  Weltbürger einer intelligiblen Vernunftrepublik zu sein, erfüllen zu können. Dass ein solches Konzept ohne eine metaphysische, universale Rechtsordnung und eine gleichsam zum Gott erhobene Vernunft, die sich auf ihre Möglichkeiten und Grenzen selbst zu reflektieren imstande ist, kaum denkbar wäre, leuchtet schnell ein.

Nachdem nun das ideelle Grundgefüge, in dessen Spannungsfeld sich der Geist Europas bewegt und immer wieder erneuerte, kurz angedeutet wurde, muss darauf hingewiesen werden, dass dessen inhaltliche Ausbestimmung schwierig bis unmöglich scheint, denn immer wieder stellt sich die Frage, ob eine Idee für ganz Europa oder nur für eine seiner Nationen charakteristisch ist. Gerade Deutschland hatte ja dem „Westen“ oft protestlerisch seine Stirn geboten und Alternativen und neue Synthesen aufgezeigt, wie der Deutsche Idealismus oder die deutsche Romantik, was oft als Deutscher Sonderweg apostrophiert wurde. Und tatsächlich haben alle europäischen Nationen ihre Sonderwege und wesenhaften Eigentümlichkeiten und genau darin besteht die Form Europas, die auch wesentlich mit seinem Inhalt zusammenfällt: Das Europäische an Europa sind gerade seine Nationen, die es ausmachen und in ihrer Vielheit doch eine Einheit bilden. Das angemessene und ausgewogene Verhältnis zwischen Europa als Einheit und der Vielheit seiner Nationen zu finden, wird in Zukunft die entscheidende Herausforderung der Europäischen Union sein, die sich selbst nicht als reine Verwaltungsmaschine oder Sachwalterin ökonomischer und industrieller Interessen verstehen darf, sondern unter Rückbesinnung auf die Trias seiner eigenen Grundwerte – griechischer Logos, römische Rechtsidee und christliches Menschenbild- den Weg geistig-kultureller Selbstbehauptung gehen muss. Wenn es sich diesen nicht von einem Euromasochismus verstellen lässt, der unter Berufung auf Kolonialismus und Imperialismus der Vergangenheit Europa in moralische Schuldknechtschaft zu nehmen und ihm permanente Selbstgeißelung aufzuerlegen trachtet, werden sich auch politische Einigkeit, demokratische Mitbestimmung der europäischen Völker und ökonomische Prosperität Schritt für Schritt einstellen.

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Multikulti aus dem Zerrspiegel der Ideologien befreien!

Wer heute objektive Debatten über die multikulturelle Gesellschaft führen will, betritt notwendig ideologisch vermintes Terrain. Die ideologischen Vorgaben und Scheuklappen drohen sowohl vom linken als auch vom rechten Rand des politischen Spektrums aus unsere Perspektive auf die multikulturellen Verhältnisse, ihre Problemkomplexe und Lösungsalternativen von Vornherein fehlzuleiten. Während orthodoxe Marxisten noch vor Jahrzehnten die Einwanderung aus anderen Kulturkreisen kritisch beäugten, weil ein Pluralismus der Kulturen in einem Staat die Entstehung eines einheitlichen Klassenbewusstseins verhindere und die Klassengegensätze verschleiere, forciert die Neue Linke heute die Einwanderung und Multikulturalisierung Deutschlands mit dem unterschwelligen Hinweis auf die vermeintlich notwenige Kompensierung deutscher Kollektivschuld dadurch, dass unser Land auf ewig verpflichtet sei, die Funktion eines Weltsozialamtes zu übernehmen, um den Armen und Ausgestoßenen dieser Welt Obdach und Brot zu garantieren. Dass diese hehren Motive oftmals nur Vorwände sind, die die ideologischen Ziele moralisch verbrämen sollen, ist offensichtlich: Im Kampf gegen Nation und Kapital kann eine balkanisierte Gesellschaft einen großen Beitrag leisten, um Deutschland abzuwickeln, Reste bürgerlicher Ideologie zu beseitigen und den Internationalismus schon einmal im Kleinen zu verwirklichen. Das Aufgehen eines als von der Geschichte widerlegt scheinendes und von seiner Anlage her faschistoiden Volks in einem Vielvölkerstaat, der nach und nach an den Fliehkräften seiner kulturellen Differenzen und Bruchlinien zersplittert, ist sicherlich ein attraktives Ideal für den modernen Anarcholinken, der an der Destabilisierung der Staatmacht ein großes Interesse hat. Dass ein Nebeneinander von verschiedenen, miteinander inkompatiblen Kulturen zu einem „Kampf der Kulturen“(Huntington) um Dominanz führt und unser Land sein kulturelles Gepräge kosten wird, sind sie sich entweder nicht bewusst oder sehnen es mit Häme herbei, die Tatsache beflissentlich ignorierend, dass – wie schon die Geschichte zeigt- Multikulti nicht funktionieren kann und letztlich Kulturlosigkeit und Konflikte nach sich zieht statt lebenswerte und weltoffene Räume zu schaffen. Ferner macht das Zusammenleben vieler verschiedener Kulturen in einem Gemeinwesen eine  Verständigung der Bürger auf einen gemeinsam geteilten Wertekonsens, auf dem unsere Demokratie beruht, schwer bis unmöglich und untergräbt damit unsere Freiheitlich-Demokratische Grundordnung fundamental. Was stört das aber den linken Ideologen?

Wo für den Linken der systematische Multikulturalismus Ideologie ist, so ist er für den Neoliberalen Instrument. Die Gastarbeiter wurden aus rein ökonomischen Interessen nach Deutschland geholt, um jederzeit über Arbeitskräfte zu verfügen, die relativ geringe Ansprüche haben und für die „bad jobs“ einsetzbar sind, für die sich Deutsche zu fein dünken. So mutete man den Gastarbeiten mehr zu als den Einheimischen und nutzte ihre prekäre Lage schamlos aus, um ihnen maximale Arbeit für minimalen Lohn abzuverlangen. Sie hatten natürlich keine andere Wahl und mussten sich diesen Verhältnissen fügen, denn schließlich ging es um ihren Neuanfang und ihre Existenz. So brauchte man sich auch keine Sorgen zu machen, dass höhere Ansprüche gestellt oder kritische Äußerungen fallen würden, weil der nächste ja schon bereit stand, um den Job zu machen. Integration war selbstverständlich kein Thema, solange die Gastarbeiter in der Gesellschaft funktionierten und den Mund hielten. Dass wir es mit ethnischen Kolonien zu tun haben werden, in denen soziale Armut, Kriminalität und Fundamentalismus einen guten Nährboden finden, konnte man am Bruttoinlandsprodukt aber leider nicht ablesen. Es ist jedoch denkbar, dass diese Tendenzen die Wirtschaftskapitäne, die ihre Produktion längst global auslagerten, keineswegs tangieren, weil die meisten sowieso schon jedes Gefühl nationaler Verantwortung im „global playing“ verloren haben und ihre Profitmaximierungsinteressen nun auf Kosten ganzer nationaler Volkswirtschaften verfolgen können.

Wie Linke und liberale Globalisten ein ideologisch-instrumentelles Verhältnis zum Multikulturalismus haben, so ist auch die Sicht der völkischen Rechten von kruden Ideen und niederen Ressentiments verblendet. Der Rechtsextreme vermutet eine Verschwörung dunkler Mächte hinter der Einwanderung und fürchtet einen Völkermord, der durch die multikulturelle Gesellschaft vollzogen werde und der das Kriegsziel der Alliierten –das Finis Germaniae- durch Rassenvermischung endgültig verwirkliche. Dabei investiert er nicht nur ideologische Voraussetzungen, die an Absurdität kaum zu überbieten sind, sondern zieht auch noch totalitäre Schlussfolgerungen, die von offenem Ausländerhass bis Vernichtungsphantasien die ganze Bandbreite nationalsozialistischer Ideologeme bedienen. Über Arierromanik und Rassenbiologismus, der das Volk als möglichst rein zu haltendem Genpool letztlich zu etwas Materiellem degradiert, vergisst er, dass unsere Grundkrise keineswegs in den „Ausländern“ besteht, sondern tief in unserer kulturellen Sinnstruktur begründet liegt. Das primäre Problem ist nicht, dass sich der Islam hier ausbreitet, sondern dass unsere eigenen Werte entleert sind und keine Verbindlichkeit mehr entfalten können. Die primäre Verfremdung unserer Kulturlandschaften besteht nicht darin, dass unsere Großstädte mit Moscheen und Dönerläden zuwuchern, sondern dass wir sie selbst  mit Konsumtempeln und Einrichtungen der Kultur- und Unterhaltungsindustrie zugepflastert und erstickt haben. Die primär berechtigte Angst ist nicht die, dass wir von Ausländern überfremdet werden, sondern dass wir uns längst schon von unserer eigenen Kultur entfremdet haben! Das Szenario eines ethnischen Bürgerkriegs wird von den Völkischen zynischerweise als Chance einer blutigen Wiedergeburt Deutschlands herbeigesehnt. Das ist nicht nur menschenverachtend, sondern auch naiv: Ein Bürgerkrieg, den man in den nächsten Jahrzehnten vielleicht tatsächlich befürchten muss, wird eine molekulare Struktur haben und von ständig wechselnden Fronten, punktuellen Gewaltherden und vielfältig komplexeren Bruchlinien gekennzeichnet sein, als wir uns heute vorstellen können. Eine Konvergenz ethnischer, sozialer und ökonomischer Katastrophen würde letztlich das Finis Germaniae bedeuten und ist durch Präventivmaßnahmen um jeden Preis zu verhindern.

Die gegenwärtigen Probleme und Konfliktpotenziale der multikulturellen Gesellschaft können nur dadurch entschärft werden, dass wir die entwurzelten Migranten wieder in einen wirkmächtigen kulturellen Rahmen integrieren. Dieser Rahmen kann nur die deutsche Nation sein. National denken und handeln kann dann nur eines bedeuten: Neue Einheit und Zusammengehörigkeit stiften statt spalten und niedere Ressentiments gegen Minderheiten wecken. Die hier lebenden Ausländer müssen von der Strahlkraft eines stolzen und selbstbewussten Deutschlands mitgerissen werden, so dass sie an diesem Deutschland mitarbeiten und ein Teil von ihm werden wollen. Die deutsche Nation ist gewissermaßen das gemeinsame kulturelle Dach, unter dem wir uns im Hinblick auf die zukünftigen Aufgaben alle zu versammeln haben. Es soll uns nicht darum gehen, die hier lebenden, integrationswilligen und –fähigen Migranten als „Fremdstämmige“ wieder auszuschließen, sondern sie in eine nationale Umarmung einzubeziehen, damit sie – einige Generationen in die Zukunft gerechnet- durch eine lange kulturelle Sozialisation zu deutschen Bürgern werden, die unserem Staat Loyalität entgegenbringen und unsere Kultur, wenn auch nicht vollständig annehmen, doch zumindest wertzuschätzen wissen. Integration heißt hier aber eindeutig Assimilation. Die Deutschen als angestammte Mehrheitsgesellschaft mit ihren Traditionen, Werten und Sitten bestimmen die kulturellen Rahmenbedingungen, denen sich die Migranten fügen und anpassen müssen. Allein schon als Gegenleistung dafür, dass sie an den Gratifikationen dieses Landes teilhaben dürfen, ist es angebracht, dass sie sich an ihrem Gastgeberland und seinen Bewohnern nicht vergreifen, seine Gesetze befolgen, seine Leistungsbilanz steigern und die Dominanz seiner Kultur anerkennen. Denjenigen, die lieber in ihren Parallelgesellschaften verharren, Hass gegen ihre Aufnahmegesellschaft entwickeln, den Staat und die Bürger schädigen, die eigentlich ihre besseren Lebensbedingungen erst ermöglicht haben, oder einem Fundamentalismus huldigen, ist auf humane, aber konsequente Weise die Tür zu weisen. Die ethnischen Kolonien, die sich bereits in unseren Großstädten gebildet und verfestigt haben, sind schnellstmöglich aufzulösen, denn in ihnen entwickeln sich gefährliche Nationalismen und rassistische Gefühle gegen die Deutschen. Statt starre ideologische Konzepte, die den Multikulturalismus um seiner selbst willen durchsetzen oder ihn als Instrument gegen etwas einsetzen wollen, brauchen wir eine pragmatische, dem eigenen Volk gegenüber verantwortungsvolle und dem gesunden Menschenverstand folgende Einwanderungs- und Integrationspolitik, deren Maximen die Regulierung der Einwanderung nach Maßgabe unserer bestehenden Kapazitäten und Bedürfnisse, das „do-ut-des-Prinzip“, die deutsche Leitkultur, das Assimilationsprinzip und die Integration durch Nation sind. Den Migranten muss begreiflich gemacht werden, dass sie eine Bringschuld haben, die in einer gewissen Anpassungsleistung besteht, ohne die ein friedliches Miteinander kaum möglich ist. So müssen auch Sprachkurse und die Erwerbung von Wissen über deutsche Geschichte, Politik und Kultur obligatorisch werden. Grundvoraussetzung dafür bleibt allerdings, dass wir zuerst unsere eigene Kultursubstanz entbergen, wiederbeleben und in unsere Lebenspraxis einbinden und darauf achten, dass die Einwanderung sich in legalen Bahnen bewegt, streng reguliert und kontrolliert abläuft und sich an den Bedürfnissen unseres Landes ausrichtet, damit stärkere und vitalere Parallelkulturen unsere eigene, die durch den Nationalsozialismus, die 68er und die amerikanische Reeducation in ihrem Selbstbewusstsein schwer erschüttert und abgeräumt wurde, nicht verdrängen. Nur wenn wir ein starkes nationales Selbstbewusstsein wiedergewinnen und uns unverkrampft zu unserem Vaterland und seinen Symbolen bekennen können, ist es möglich, die Einwanderer in unseren kulturellen Lebenskreis zu integrieren und ein harmonisches Zusammenleben im Rahmen unserer Normen und Standards einzurichten. Auch wenn wir uns bewusst sind, dass die Assimilation ein gewisses Gewaltmoment hat und die oft produktive Differenz des Anderen teilweise aufhebt, müssen wir sie unabdingbar verlangen, wenn das Wort „Deutschland“ in Zukunft noch einen anderen als einen bloß historischen Sinn haben soll.

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